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06. Juli 2022

„Katharina Bum oder: Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann“ von Heinrich Böll bei den 25. Baden-Württembergischen Theater Tagen – Theater Heilbronn

https://www.theater-heilbronn.de/programm/theatertage-bw/stueck-detail.php?SID=547

 In der 1974 veröffentlichten Erzählung »Die verlorene Ehre der Katharina Blum« rekapituliert Heinrich Böll vier Tage im Ausnahmezustand einer jungen Frau: Katharina Blum lernt auf einer Party einen Mann kennen, verbringt mit ihm eine Nacht und findet sich am nächsten Morgen plötzlich im Mahlwerk von Presse und Obrigkeit wieder. Sie steht unter Verdacht, dem polizeilich gesuchten Ludwig Götten zur Flucht verholfen zu haben. Polizei und Medien stürzen sich auf sie. Liebe, Flucht, ein kostspieliger Ring, eine junge Schönheit, unbekannte Herren – der Stoff, aus dem Front-Page-Stories gemacht werden. Am Ende wird Katharina so weit getrieben, dass sie zur Waffe greift.

»Katharina Blum« entwickelt sich auf der Bühne zu einem Spiel um Meinungsterror, Marginalisierung und Macht. Die Inszenierung von Franziska Autzen zeigt ein wütendes Pamphlet gegen die Beschränkung des Menschen auf gesellschaftlich definierte Geschlechter- und Rollenklischees und wird zu einem Plädoyer für das Recht auf Selbstbestimmung. Was bleibt am Ende, wenn man Gefahr läuft, die eigene Autonomie zu verlieren?

(B&K Ute Radler, M Johannes Hofmann, D Hannah Stollmayer)

07. Oktober 2022

“Café Populaire” von Nora Abdel-Maksoud – Stadttheater Gießen

Svenja ist ein guter Mensch – und das, obwohl sie aus einer kleinbürgerlichen Familie stammt. Nach dem Studium an der Kunsthochschule kehrt sie zurück ins heimische Nest Blinden, um als Clown im städtischen Hospiz zu arbeiten. Als Püppi, Älteste im Hospiz und um keinen Sponti-Spruch verlegen, eine neue Besitzer:in für ihre Kneipe sucht, sieht Svenja ihre Chance: Die goldene Möwe soll mit ihrem Einsatz das diskriminierungsfreiste aller Stand-up-Programme bekommen. Ihr klassistischer Persönlichkeitsanteil Don schreibt derweil an anderen Pointen und will um jeden Preis verhindern, dass Dienstleistungs-Proletarier Aram der neuer Pächter wird – denn was hat ein Mensch, der nicht weiß was Heteronormativität bedeutet, Blinden schon kulturell zu bieten? „Warum kann man im Theater so gut Witze über Arme machen? – Weil sie sich die Karten eh nicht leisten können.“ 

„Nora Abdel-Maksouds „Café Populaire“ ist ein schreiend komisches Stück. Theater, das niemanden schont.“ (Hamburger Abendblatt)

(B Eylien König, K Naomi Kean, M Chris Lüers, D Lena Meyerhoff)

10. Dezember 2022

„Bestien, wir Bestien“ von Martina Clavadetscher – Schauspiel Bern (UA)

Für ihren Roman „Die Erfindung des Ungehorsams“ wurde die Schweizer Autorin Martina Clavadetscher 2021 mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet. «Clavadetscher zählt als Dramatikerin wie als Erzählerin zu den originellsten und wagemutigsten Stimmen ihrer Generation», schrieb Manfred Papst in der NZZ. In ihrem neuen Stück für das Schauspiel Bern beschäftigt sie sich mit Fluch und Segen der menschlichen Fortpflanzung. Wäre es angesichts der aktuellen Katastrophen nicht besser, uns von dem gesellschaftlichen Reproduktionszwang zu befreien? Oder ist diese Freiheit nur eine vermeintliche, da sich der Wunsch nach Fortpflanzung eben nicht rational wegargumentieren lässt? Oder wird die Natur eines Tages dafür sorgen, dass die menschliche Spezies aufhört zu existieren? Clavadetscher fächert das Thema in zwei poetische Welten in der Zukunft auf: «Die Welt wuchert weiter. Und wir alle wuchern in ihr. Das nennt man Leben», heisst es im Stück. Inszenieren wird den Stückauftrag Franziska Autzen, die ihre Karriere am Thalia Theater Hamburg begann und sich mit Bestien, wir Bestien zum ersten Mal in Bern vorstellt. 

(B Ute Radler, K Naomi Kean, M Johannes Hofmann, D Julia Fahle)

24. Februar 2023

„Animal Farm – Eine dystopische Fabel“ nach Georg Orwell – Stadtheater Konstanz 

Wenige Mächtige beuten viele Rechtlose aus. So auch auf der Farm des Bauern Mr. Jones. Er tyrannisiert seine Tiere und hält sie wie Sklaven, ihre Futtertröge bleiben oft leer. Bis der Alte Major, ein angesehener Zuchteber, von einem Traum erzählt: vom Traum der Freiheit. Die Tiere rebellieren, der Aufstand gelingt. „Jones war vertrieben, und die Herren-Farm gehörte ihnen“ – und wird zur Animal Farm. An dieser Stelle könnte die Geschichte zu Ende sein, doch fängt sie jetzt erst richtig an. Die Tiere haben Großes vor: Sie wollen eine Gesellschaft errichten, in der es keine Gewalt und Unterdrückung gibt. Alle Tiere sollen gleich sein. Doch dann reißen die Schweine Stück für Stück die Macht an sich und der Kreislauf der Ausbeutung und Unterdrückung beginnt von Neuem. 
George Orwells Fabel basiert auf dem historischen Tatbestand der kommunistischen Revolution von 1917 – doch wäre es falsch, sie darauf zu reduzieren. Denn im Zentrum stehen universelle Fragen: Was folgt nach einem Umsturz? Wie lassen sich ideelle Motivationen real in einer Gesellschaft verankern? „Animal Farm“ zeigt die Fragilität von Revolutionen, die Komplexität sozialen Zusammenlebens und die Gefahr sich wiederholender Machtmechanismen. 

(B Ute Radler, K Evelyn Gulbinski, M Johannes Hofmann, D Hannah Stollmayer) 



12. Mai 2023 
„Einfache Leute“ von Anna Gschnitzer – Stadttheater Konstanz 

Alex hat es geschafft, herausgeschafft aus ihrem armseligen Heimatort, dem bäuerlichen Mief des Elternhauses, dem Prekariat. Nach dem Abitur und dem Studium der Kunstgeschichte hat sie eine Anstellung als Kuratorin in einem Museum für Zeitgenössische Kunst in der Großstadt ergattert, ihre Herkunft erfolgreich verschleiert, ihren Dialekt abgelegt, den Kontakt zu den Eltern auf gelegentliche Telefonate beschränkt. Kurz: Sie hat einen Bilderbuchaufstieg hingelegt. Dass dabei Toni, ihre erste Liebe, auf der Strecke und alleine im Heimatort zurückgeblieben ist, hat sie billigend in Kauf genommen. 
Heute ist Alex 40. Sie wird – nicht zum ersten Mal – übergangen, als eine neue Chefposition im Museum frei wird. Ob sie es geschafft hat oder nicht, ist nicht mehr so einfach zu beantworten. Das schale Gefühl, nicht dazu zu gehören, ist nie ganz verschwunden. Da flattert eine Postkarte von Toni in ihren Briefkasten, und sie macht sich auf den Weg – nach Hause. 
Anna Gschnitzer hat mit „Einfache Leute“ ein Stück zum Thema Klassismus geschrieben, in dem sie Szenen von früher mit der Gegenwart mischt und schonungslos ehrlich über die Frage nachdenkt, inwieweit die Verhältnisse, in die wir hineingeboren werden, unsere Zukunft bestimmen. Was heißt es heute eigentlich, es „geschafft“ zu haben? 

(B&K Ute Radler, D Romana Lautner) 


Wiederaufnahme SZ 22/23  
„Auerhaus“ von Bov Bjerg – Thalia Theater Hamburg (Premiere November 2017)

https://www.thalia-theater.de/stueck/auerhaus-2017

Vier Freunde treffen sich nach zehn Jahren am Grab ihres toten Freundes wieder. Diesmal hat er es geschafft. Frieder hat sich umgebracht. 
Er hatte schon einmal versucht sich umzubringen – Frieder hat Depressionen. 
Anfang der achtziger Jahre in einer westdeutschen Kleinstadt: Damit das nicht wieder passiert, ziehen seine besten Freunde mit ihm in das leerstehende Haus seines Großvaters. Fünf junge Menschen im Auerhaus – damals läuft „Our House“ von Madness im Radio rauf und runter: „we would have such a very good time, such a fine time, such a happy time and I remember how we play simply waste the day away“. Im Auerhaus gibt es kaum Regeln und neben den Vorbereitungen zum Abitur werden Partys gefeiert und mit Drogen und freier Liebe experimentiert. Denn „Liebe ist kein Kuchen, der kleiner wird, wenn man ihn teilt.“ Aber alles hat mal ein Ende… „Auerhaus“ feiert die Unschuld der Provinz, der Jugend und des Moments – aber vor allem die Gemeinschaft.

(B Ute Radler, K Miriam Zabek, M Johannes Hofmann & Frieder Hepting, D Emilia Linda Heinrich)