Upcoming

12. November 2021
DER IDEALE STAAT IN MIR
von Bettina Erasmy
Theater Lüneburg, Deutsche Erstaufführung

Ein Influencer schwingt sich zum „Führer“ der Gesellschaft auf – in einer Welt, die offenbar zerstört oder doch zumindest nahe dem totalen Zerfall ist. Der Influencer fantasiert von einer „allgemein akzeptierten Wohlfühlordnung“ und meint, dazu berufen zu sein, „was Starkes, Strahlendes“ aufzubauen. Seine aus alten Denkweisen und neuen Vereinfachungen zusammengeschusterte Ideologie verherrlicht ein gefährliches Schwarz-Weiß-Denken. Und er hat Erfolg. Zwar agiert der Influencer aus der totalen Isolation heraus, er spielt aber gekonnt auf der Klaviatur politischer Meinungsmache: Seine Mittel sind die Social-Media-Kanäle, das allumfassende Internet. In kürzester Zeit hat er Millionen Follower: eine politisierte anonyme Masse, die in ihm einen Erlöser von der allgegenwärtigen Bedrohung sieht. Scheinbar nach Belieben kann er gewaltsame Aufstände und Umstürze auslösen.Doch irgendwann kippt es. Irgendwann meldet sich die Natur zu Wort. Sie ist schwer angeschlagen, fast komplett ausgebeutet und von den fortschrittsgläubigen Menschen arg missbraucht. Dennoch hängt sie an den Menschen. „Vielleicht habe ich in meiner Karriere als Natur den Fehler begangen, zu viel Seele in meine Arbeit zu legen?“ Eine andere Frage drängt sich ihr noch stärker auf: Ginge es nicht vielleicht auch ohne die Spezies Mensch? Wäre sie, die Natur, dann nicht immer noch da?Bettina Erasmys DER IDEALE STAAT IN MIR zielt auf hoch aktuelle Zustände und Debatten ab. Was passiert, wenn im Schatten der medialen Anonymität Meinungen, Ideologien oder populistische Meinungsäußerungen Raum greifen und ohne Widerspruch bleiben? Wie lange hält die Natur uns noch aus? Bei aller packenden Brisanz, schwebt das Stück über alle Agonie hinweg. Dafür sorgt die Autorin durch sprachliche Eleganz und Leichtigkeit.
https://www.theater-lueneburg.de/stuecke/der-ideale-staat-in-mir-de/

12. Februar 2022
ROADTRIP MIT LASERGIRL UND BEYONCÉ von Tjibbe Veldkamp
Theater Konstanz, Uraufführung

Ates bester Freund heißt Baptiste. Jeden Tag schreiben sie sich über WhatsApp. Getroffen haben sich die beiden Jungs noch nie, aber Ate mag es, dass sie sich so ähnlich sind. Na ja, Ate wohnt wohlbehütet in seinem Heimatort in den Niederlanden, Baptiste kommt aus dem Kongo und lebt ohne Papiere in Belgien. Baptiste ist außerdem immer pleite und muss jetzt sogar sein Handy verkaufen. Das würde Kontaktabbruch bedeuten! Das kann Ate nicht zulassen und beschließt, alleine nach Brüssel zu fahren, um Baptiste sein altes Handy zu schenken. Kaum dort angekommen erfährt Ate, dass sein Freund nicht der ist, für den er ihn gehalten hat. Und als ihn dann auch noch zwielichtige Gestalten verfolgen, wird die Situation wirklich brenzlig. Ate muss sich fragen: Wem kann ich trauen? Etwa dem Mädchen mit den Laseraugen und der großen Fußballtasche? Tjibbe Veldkamp, einer der renommiertesten niederländischen Kinder- und Jugendbuchautoren, erzählt in „Catvis“ – so der Originaltitel – eine Geschichte über junge Lebenswege, die unterschiedlicher nicht sein könnten, über den eigenen Wagemut und echte Freundschaft. Scheinbar ganz nebenbei zeigt er dabei strukturelle Verhältnisse auf, die Menschen ins Abseits der Gesellschaft drängen.
Link

18. & 19. Februar 2022
KATHARINA BLUM ODER: WIE GEWALT ENTSTEHEN UND WOHIN SIE FÜHREN KANN
von Heinrich Böll
Theater Konstanz, aus der Spielzeit 20/21

In der 1974 veröffentlichten Erzählung Die verlorene Ehre der Katharina Blum rekapituliert Heinrich Böll vier Tage im Ausnahmezustand einer jungen Frau: Katharina Blum lernt auf einer Party einen Mann kennen, verbringt mit ihm eine gemeinsame Nacht und findet sich am nächsten Morgen plötzlich im Mahlwerk von Presse und Obrigkeit wider. Sie steht unter Verdacht, dem polizeilich gesuchten Ludwig Götten zur Flucht verholfen zu haben. Polizei und Medien stürzen sich auf sie. Liebe, Flucht, ein kostspieliger Ring, eine junge Schönheit, unbekannte Herren – der Stoff aus dem Front-Page-Stories gemacht werden. Am Ende wird Katharina so weit getrieben, dass sie zur Waffe greift.
KATHARINA BLUM entwickelt sich auf der Bühne zu einem Spiel um Meinungsterror, Marginalisierung und Macht. Die Inszenierung von Hausregisseurin Franziska Autzen zeigt ein wütendes Pamphlet gegen die Beschränkung des Menschen auf gesellschaftlich definierte Geschlechter- und Rollenklischees und wird zu einem Plädoyer für das Recht auf Selbstbestimmung. Was bleibt am Ende, wenn man Gefahr läuft, die eigene Autonomie zu verlieren?
Link

14. Mai 2022
POUPETTE ein Projekt von und mit Marie Jung
Théâtre National du Luxembourg

Poupette erzählt von einer Frau, die es eigentlich nicht geben kann. Sie ist jung, sie ist alt, blickt gleichsam optimistisch in die Zukunft zurück. Sie springt lustvoll zwischen Wahrheit und Behauptung, zwischen Stärke und Schwäche hin und her. Sie spielt. Zurückgeworfen auf sich selbst, erzählt sie, während sie versucht zu schweigen. Sie weiß, dass man ihr dabei zuschaut, zuhört. Dass man sie beurteilt. Wird man sie als Opfer wahrnehmen? Oder als Täterin? Warum kann sie nicht aufhören? Warum kann sie nicht schweigen?
Ihr Monolog kreist um etwas, um eine Geschichte, die sie nicht loslässt. Die Kreise werden kleiner und kleiner. Muss man den Schmerzpunkt eines Menschen kennen, um ihn zu verstehen?
Marie Jungs erster Bühnentext erforscht die Ambivalenz und die Gleichzeitigkeit scheinbarer Paradoxien, das real existierende Nebeneinander verschiedener Wahrheiten, die im selben Moment auch Lügen sein können. Ihr Monolog ist eigentlich ein Dialog — zwischen Text und Laut, Schauspielerin und Publikum, Figur und Selbst. Zwischen dem Ich und der Welt, die dieses Ich, diese Frau, reduzieren und in ein Schema pressen will. Doch die Frau leistet Widerstand.
https://www.tnl.lu/poupette