Und alle so still
Nach dem gleichnamigen Roman von Mareike Fallwickl
Nach dem gleichnamigen Roman von Mareike Fallwickl
Bühnenfassung von Jorinde Dröse und Johanna Vater
Autorin Mareike Fallwickl
Regie Franziska Autzen
Bühne & Video Ute Radler
Kostüme Benjamin Burgunder
Musik Chris Lüers
Licht & Technik Moritz Matzner, Fritz Renz, Christian Haunz
Dramaturgie Carola von Gradulewski
Regieassistenz Sebastian Bruck
Ausstattungsassistenz Paula Gschlecht
Regiehospitanz Katharina Rahmung
Mit Michaela Allendorf, Anna Eger, Katrin Huke, Kristina Lotta Kahlert,
Oleksii Kryzhanovskyi, Leonard Meschter, Paula Julie Pitsch
Statisterie Phyllis Naumann, Guzel Muratova, Rosa Uhlich
Wie weit können Frauen gehen, um der Welt deutlich zu machen, dass sie nicht mehr bereit sind, an ihre Grenzen zu gehen?
Es ist ein stummer Protest, genährt aus Erschöpfung und Resignation. In wenigen Tagen gerät die Welt aus dem Takt, als Frauen sich reglos auf Straßen und Plätze legen. Binnen kürzester Zeit zwingen sie den gesellschaftlichen Alltag in die Knie. Inmitten dieses Protestes kreuzen sich die Wege von Elin, Nuri und Ruth. Elin sieht sich als erfolgreiche Influencerin mit misogynem Hass im Netz konfrontiert. Nuri zwingen prekäre Lebensbedingungen jeden erdenklichen Job anzunehmen. Ruth arbeitet als Pflegefachkraft im Krankenhaus und ihr Pflichtgefühl scheint unerschöpflich zu sein. Sie entdecken eine Verbindung darin, nicht gesehen und nicht gehört zu werden. Ihre Schicksale werden zu universellen Erzählungen ungleich verteilter Macht. Vereint im stillen Protest lassen Frauen die Welt spüren, was passiert, wenn sie nicht mehr bereit sind, im Beruflichen wie im Privaten, zu erfüllen, was von ihnen erwartet wird.










„Dabei macht dieser (Roman), wie auch die Inszenierung von Franziska Autzen,
auf eine Thematik aufmerksam, die realistischer kaum sein könnte. (…)
Gerade der gesellschaftliche Druck, als Pflegekraft immer zur richtigen Zeit
am richtigen Ort sein zu müssen, wird dem Publikum in Autzens Inszenierung
durch Ruth eindrucksvoll und schockierend nah an der Aktualität
zugleich vor Augen geführt.“
Philipp Findling, Singener Wochenblatt„Auf einer Bühne, die einer Krankenhauswäscherei gleicht (Ute Radler),
werden also die aktuellen Missstände schonungslos aneinandergereiht
und somit ist Und alle so still ein wichtiges Stück,
um diese in ihrer Wucht und vollen Konsequenz zu begreifen.“
Veronika Fischer, Saiten Magazin







MENSCHEN BRAUCHEN MENSCHEN
Regisseurin Franziska Autzen im Gespräch mit Dramaturgin Carola von Gradulewski
Carola von Gradulewski: Franziska, Du hast Dich am Theater Konstanz bereits in etlichen Inszenierungen, zuletzt in „Im Menschen muss alles herrlich sein“, mit gesellschaftlichen Themen aus einer feministischen Perspektive beschäftigt. Und nun Mareike Fallwickls groß angelegter Gesellschaftsroman „Und alle so still“. Was macht den Reiz dieses Stoffes für Dich aus?
Franziska Autzen: Für mich ist es aktuell der Roman der Stunde. Friedrich Merz hat sich gerade für mehr „Mütter in Vollzeit“ ausgesprochen und damit Care-Arbeit unsichtbar gemacht bzw. negiert. Auch den Fachkräftemangel, den wir gerade erleben, besiegt man nicht, indem andere mehr arbeiten und die Grenzen dichtgemacht bzw. Menschen ausgewiesen werden. „Wir alle erleben den Fachkräftemangel schon jetzt tagtäglich: Restaurants haben häufiger geschlossen als früher, Pflegekräfte sind überarbeitet, weil sie zu wenige Kolleginnen und Kollegen haben. Ähnlich sieht es in Kitas und kleinen Handwerksbetrieben aus“, sagt der Präsident des Instituts der Deutschen Wirtschaft Michael Hüther. „Menschen brauchen Menschen“ heißt es im Roman von Fallwickl. Das System ist auf Menschen, ihre Arbeitskraft und ihre Verfügbarkeit aufgebaut. Nur ein Beispiel: Bis 2030 werden in Deutschland schätzungsweise 500.000 Pflegefachkräfte fehlen.
Carola von Gradulewski: Mareike Fallwickl stellt drei Figuren ins Zentrum: die Influencerin Elin, die Pflegefachkraft Ruth und Nuri, einen jungen Mann, der in diversen Jobs rund um die Uhr unter ausbeuterischen Umständen arbeitet. Was erzählt sie anhand dieser drei Figuren über unsere Gesellschaft?
Franziska Autzen: Jede für sich ist sehr einsam. Ich glaube, seit der Pandemie (oder vielleicht auch schon davor) sind viele Menschen vereinzelt. Über das „Überleben“, über das Arbeiten haben sie versäumt zu leben. Vielleicht ist es auch schwerer geworden? Wir haben ja gefühlt alle ein Handy vor dem Gesicht. Und die Inflation. Viele Menschen haben mehrere Jobs, um sich Wohnen und Essen leisten zu können. Früher waren wir Nomaden und haben in Herden gelebt. Das war überlebenswichtig. Seit der Christianisierung und der Landverteilung gibt es die irrsinnige Vorstellung von Kleinfamilien. Die kleine Familie versucht zu überleben und dabei geht es um „Survival of the Fittest“. Das hat sich tief in unser gesellschaftliches Bild gebrannt.
Carola von Gradulewski: Schon bei Deinen ersten konzeptionellen Überlegungen spielte die Spiegelhalle eine besondere Rolle und sehr früh war klar, dass das Ensemble durch Tänzer*innen verstärkt wird. Welche künstlerischen Ziele verfolgst Du damit?
Franziska Autzen: Die Spiegelhalle ist zugänglicher. Ebenerdig. Betretbar. Wir wollen den Abend gemeinsam und miteinander erleben und nicht exemplarisch von oben mit dem Zeigefinger referieren. Das Publikum soll sich eingeladen fühlen. Im Roman wird immer von mehreren Menschen oder Massen berichtet. Eine Bewegung mit und durch Menschen. Tanz steht ebenfalls für soziale Praxis, Ausdruck und politischen Widerstand. Schon immer haben sich aus gesellschaftlichen Ausschlüssen heraus, kraftvolle Formen der Selbstermächtigung entwickelt. Körper speichern Geschichten und Erinnerungen und geben ihnen Ausdruck.
Carola von Gradulewski: Ute Radler hat einen eindrücklichen Bühnenraum geschaffen, der Arbeitswelt und symbolischer Ort zugleich ist. Was war Euch wichtig in der Verortung der Geschichte(n)?
Franziska Autzen: Das Stück erfordert schnelle Wechsel zwischen kalten Arbeitswelten und warmen intimen Räumen. Wir haben eine Materialität und einen Raum gesucht, mit denen beides darstellbar ist.
Carola von Gradulewski: Zu Deinem Team gehören auch der Kostümbildner Benjamin Burgunder und der Musiker Chris Lüers. Was war Euch bei der musikalischen und kostümbildnerischen Gestaltung wichtig?
Franziska Autzen: Ich arbeite sehr filmisch. Kurze schnelle Szenen hintereinander, schnelle Schnitte. Einiges läuft parallel. Gerade die Musik hilft den Zuschauenden, sich schnell emotional an eine Figur oder an einen Ort zu binden. Das Kostümbild hilft einen Charakter zu zeichnen. Besonders bei den vielen Rollenwechseln helfen die Kostüme bei der Lesbarkeit der Figuren.
Carola von Gradulewski: Mareike Fallwickl hat den Vorgängerroman „Die Wut, die bleibt“ ihrer Tochter gewidmet. In „Und alle so still“ lässt Fallwickl Nuri zum Sprachrohr einer Generation Männer werden, die ebenfalls unter patriarchalen Strukturen und stereotypen Männlichkeitsbildern leiden. Wie setzt sie das in Relation zu aktuellen globalen Entwicklungen? Und welche Zukunftsperspektive gibt sie ihren Figuren und damit auch uns?
Franziska Autzen: „Und alle so still“ hat sie ihrem Sohn gewidmet. Trump, Musk und Andrew Tate sind Vorbilder für die sogenannte „Manosphere“. Die AfD richtet sich gezielt an junge Männer. In Amerika gibt es die Bewegung sogenannter „Tradwifes“, also Frauen die ausschließlich für den Mann, Kinder und den Haushalt leben. Wir erleben gerade einen Backlash zurück in die 50er Jahre. Frauen zurück an den Herd und Männer als Ernährer und Beschützer. Fallwickl zeigt uns mit ihren Figuren, dass es kein „Kampf“ gegeneinander sein darf, sondern dass wir nur gemeinsam eine Zukunft des Miteinanders gestalten können.
Weitere Informationen, Material und laufende Vorstellungstermine:
https://www.theaterkonstanz.de/programm/stueckeseiten/stueckeseiten+2025_26/und+alle+so+still